"Mein Vater war ein Visionär" -Töchter von Kurt Partzsch gerührt über Ehrung

Kurt Partzsch hat in Hildesheim Architektur studiert und hat als AWO Vorsitzender des Bezirks Hannover und Ehrenvorsitzender des AWO Bundesverbandes an vielen Veranstaltungen der AWO in der Region Hildesheim teilgenommen.

 

Festakt von SPD und AWO zum 100. Geburtstag von Kurt Partzsch

 

Hannover. Zum 100. Geburtstag von Kurt Partzsch sind seine beiden Töchter Ursula Partzsch-Asamoah Ambapeng und Ruth Nordengen gestern als Ehrengäste beim Festakt von AWO Bezirksverband Hannover e.V. und SPD Landtagsfraktion begrüßt worden. Ruth Nordengen war aus diesem Anlass extra aus ihrer heutigen Heimat Norwegen angereist. Überraschend trat sie selbst am Ende des Festaktes ans Rednerpult und bedankte sich für die vielen Würdigungen und rührenden Worte über ihren Vater, den langjährigen Niedersächsischen Sozialminister und AWO Bezirks- und Bundesvorsitzenden: „Im Rückblick ist mir heute auch bewusst, dass mein Vater ein echter Visionär gewesen ist, z.B. was ein würdiges Leben im Alter, die Bedeutung von ländlicher Versorgung und überhaupt seinem Grundverständnis vom Sozialstaat betrifft. Als Kinder war das für uns alles selbstverständlich.“

 

Axel Plaue, der AWO Bezirksvorsitzende, nannte Kurt Partzsch, der geradlinig, integrativ und durch und durch humanistisch geprägt war, den „Architekten der Niedersächsischen Sozialpolitik“.: „Für ihn war Sozialpolitik die Grundvoraussetzung für eine funktionierende Demokratie. In unserer Gesellschaft muss Wohlfahrtspflege bedeuten, dass jeder Mensch der in Not gerät, einen Rechtsanspruch auf Unterstützung hat und nicht als Bittsteller auftreten muss. Das ist etwas, wofür wir als AWO auch heute wieder tagtäglich eintreten. Eine wahrhaft soziale Politik, Gerechtigkeit und Chancengleichheit sind das Vermächtnis von Kurt Partzsch – und dem fühlen wir uns verpflichtet, heute mehr denn je.“

 

Der Landtagsvizepräsident Dieter Möhrmann begrüßte beim Festakt zum 100. Geburtstag von Kurt Partzsch im Leibnizsaal des Niedersächsischen Landtags gestern Nachmittag am 26. Juli 2010 insgesamt 140 hochkarätige Gäste aus Politik, Sozialpolitik und praktischer sozialer Arbeit. Ehemalige und aktive aus der Landes- und Bundes-Politik, Weggefährten, Freundinnen und Freunde der AWO, des Arbeiter-Samariter-Bundes oder des Humanistischen Verbandes, AWO Vorsitzende und Geschäftsführer, EinrichtungsleiterInnen und viele mehr. Stellvertretend genannt seien hier einer der Nachfolger im Amte des Sozialministers, Wolf Weber, die ehemaligen AWO Geschäftsführer Otto Drewes und Hugo Voigt, der Bundestagsabgeordnete Bernhard Brinkmann, die Landtagsabgeordneten Wolfgang Jüttner, Hanne Modder, Marco Brunotte, Heiner Aller oder Stefan Politze, der AWO Bundesvorsitzende Wolfgang Stadler und der Vorsitzende des AWOPräsidiums Wilhelm Schmidt, Landesminister a.D. Helmut Kasimir oder Bundesminister a.D. Karl Ravens.

 

Stefan Schostok, der SPD Fraktionsvorsitzende, sagte, es sei eine besondere Ehre für ihn, die Familie von Kurt Partzsch kennen lernen zu dürfen. Außer den Töchtern Ruth Nordengen und Ursula Partzsch-Asamoah Ambapeng war auch der Neffe Manfred Partzsch anwesend, der seit einigen Jahren im AWO Bezirksverband Hannover als ehrenamtlicher Revisor und Stiftungsratsvorsitzender der AWO mit Herz-Stiftung aktiv ist. Stefan Schostok würdigte die unglaubliche politische Laufbahn von Kurt Partzsch, die mit heutigen politischen Karrieren nicht vergleichbar sei: „Vor allem was die Längen seiner Amtszeiten betrifft, allein 13 Jahre war er Sozialminister, das bedeutete natürlich auch eine ganz andere Kontinuität und Nachhaltigkeit in seiner Arbeit. Besonders auffällig für mich ist neben der Vielfältigkeit der Aufgaben und Themen, um die Kurt Partzsch sich gekümmert hat, aber deren Aktualität. Viele Arbeitsfelder beschäftigen uns heute immer noch oder wieder, wie zum Beispiel die Altenpflege und - betreuung oder der Ausbau der hausärztlichen Versorgung auf dem Lande. Kurt Partzsch hatte ein Verständnis vom Sozialstaat, der Voraussetzung für eine positive Entwicklung der Gesellschaft sein musste. Das entspricht dem Prinzip des „vorsorgenden Sozialstaats“ aus dem Grundsatzprogramm der SPD. Da haben wir von Kurt Partzsch gelernt.“

 

Jutta Feise, Vizepräsidentin des Humanistischen Verbandes Niedersachsens, in dem Kurt Partzsch 40 Jahre lang aktiv war, berichtete von wundervollen Gesprächen mit ihm und seiner Familie in Davenstedt, wo er wohnte. Dr. Friedhelm Bartels, Bundesvorsitzender des Arbeiter-Samariter-Bundes, dessen Präsident Kurt Partzsch ebenfalls viele Jahre war, konnte als Weggefährte anschaulich erzählen, wie bedeutsam für Kurt Partzsch ein Ausbau des Rettungsdienstes in Niedersachsen war.

 

Der Vorsitzende des Präsidiums des AWO Bundesverbandes in Berlin, Wilhelm Schmidt, konnte aus eigenen Begegnungen mit seinem Vorgänger Kurt Partzsch berichten, wie zutiefst allergisch er immer auf Ungerechtigkeiten aller Art reagierte: „Kurt Partzsch war auch als späterer Ehrenpräsident der AWO immer ein wichtiger Ratgeber für uns, dessen Meinung uns viel bedeutete. Sein Streiten für die Förderung ehrenamtlichen Engagements und die gesellschaftliche Bedeutung der Wohlfahrtsverbände in Deutschland ist uns immer noch ein großes Vorbild und sein hinterlassener Auftrag. Man kann sagen, seinem Einfluss ist es überhaupt zu verdanken, dass das Subsidiaritätsprinzip in Deutschland Einzug gefunden hat.“

 

Nach 1945 war Kurt Partzsch maßgeblich am Wiederaufbau der hannoverschen SPD beteiligt, von 1951-74 war er Mitglied des Landtages und ganze 13 Jahre lang, von 1961-74 Niedersächsischer Sozialminister. Nach der Wahl Alfred Kubels zum Ministerpräsidenten und der Bildung einer SPD-Alleinregierung übernahm er am 8. Juli 1970 zusätzlich das Amt des Stellvertretenden Ministerpräsidenten. Am 10. Juli 1974 schied er aus der Landesregierung aus. Die Geschäftsstelle des AWO Bezirksverbandes Hannover e.V. wurde nach ihm benannt und trägt heute den Namen Kurt-Partzsch-Haus.     

 

Der neue Niedersächsische Ministerpräsident David McAllister schrieb in seinem Grußwort: „Kurt Partzsch hat als Sozialpolitiker deutliche Spuren in Niedersachsen hinterlassen. Praktisch sein ganzes Leben lang hat sich Kurt Partzsch für soziale Gerechtigkeit in Niedersachsen und auch über die Landesgrenzen hinaus eingesetzt. Dafür ist Niedersachsen ihm zu Dank und bleibender Anerkennung verpflichtet.“
Nach kurzer schwerer Krankheit starb Kurt Partzsch im August 1996. Bei seiner Beerdigung sagte der damalige Niedersächsische Ministerpräsident Gerhard Schröder: „Das Land hat einen seiner größten Politiker verloren, sicher den größten Sozialpolitiker in seiner Geschichte. (...) Was tun? Weiterarbeiten an dem, was er wollte, das ist unsere Aufgabe.“

 

 













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Gerechtigkeit fordert einen Ausgleich in der Verteilung von Einkommen, Eigentum und Macht, aber auch im Zugang zu Bildung, Ausbildung und Kultur.